Tiefschnee

Man sagt sich, dass es nicht viel braucht um glücklich zu sein. Vielleicht braucht es nur diesen einen Weg den ich nehme. Immer am Waldrand entlang, den Berg hinauf, zwischenen den Sträuchern hindurch. Es liegt frischer Schnee, sicher sind es 50 cm. Bei jedem Schritt geben die Kristalle, begleitet von einem sanften Knarzen, ein Stück nach und meine dunklen Bergstiefel sinken tief in die weiße Landschaft. Der Atem geht schwer, doch die mit einer dicken Schneedecke beladenen Äste der Tannen saugen jeden Ton auf, es bleibt nur das Geräusch der einzelnen Schneeflocken, die mit dem weißen Meer verfließen, welches ihre Vorgänger über die Landschaft ausgebreitet haben. Es knistert.

Tief hängen die Äste der stachlichen Riesen gen Boden und ich stoße sie an, damit der Schnee abfällt. Wie von Zauberhand richten sie sich auf und geben mir den Weg frei. Es scheint als würden sich die Bäume bedanken. Dafür, dass endlich jemand die Last von ihren Schultern genommen hat.
Nach einer Stunde endet die zertretene Spur und ein unberührtes Tuch aus Schnee lädt ein, neue Wege zu gehen. Zuversichtlich stapfen meine Stiefel Löcher in die Schneedecke. Doch mit jedem Schritt, mit dem sich meine Füße in den höher werdenden Schnee graben, wird es anstrengender. Eine, vielleicht zwei Kehren noch bergaufwärts, wenn es dann nicht besser wird, muss ich umdrehen. Im Tiefschnee ohne Schneeschuhe bergauf zu laufend ist ein tolles Gefühl, aber ein anstrengendes.

Doch plötzlich, als ich schon fast umdrehen will, sehe ich eine Spur. Sie trifft von der Seite auf meinen Weg. Was für ein Glück denken meine Beine und schöpfen neuen Mut. Zwei Stunden habe ich hinter mir, eine noch vor mir. Die hohen, gänzlich in Schnee gehüllten Tannen zu meinen Seiten beobachten jeden meiner Schritte. Wie Wächter des Waldes stehen sie ganz aufrecht und ihre Äste halten den dicken Mantel aus Schnee um sich gehüllt. Nur selten, dann wenn die Last zu schwer wird, rascheln dicke Flocken gen Boden.

Endlich tut sich eine Lichtung auf. Es ist die vom Toten Mann. Ein Berg in Berchtesgaden. Völlig ausgesetzt und ohne den Schutz der Bäume hat der Wind am Gipfel so viel Schnee aufgetürmt, dass ich bis zu den Knien einsinke. Aus dem Gehen wird ein Wanken und Schieben.

Angekommen. Sachte nehme ich meinen Rucksack herab, löse die Bänder, welche den Holzschlitten auf meinem Rücken gehalten haben, stelle ihn auf den Boden und fahre los.

Die steile Abfahrt lässt mich vorbeirauschen an den großen Tannen und an den sanften weißen Hügeln.

Es ist wahr. Es braucht nicht viel um glücklich zu sein. Schnee, Bäume und im richtigen Moment vielleicht einen Schlitten den man vom Rücken nehmen kann um nicht durch den Tiefschnee ins Tal laufen zu müssen, sondern fliegen zu können.

 

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