Etosha Nationalpark

Namibia – Etosha Nationalpark
Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Tiere gesehen.
Die erste große Giraffe, welche vor ein paar Tagen in wenigen Metern Entfernung nahe Windhoek die Straße kreuzte, war eine Schau, ein Erlebnis, ein Spektakel.
Doch das hier übertrifft die größten Erwartungen. Es ist ein einziger Glücksmoment. Wenige Meter neben der staubigen Schotterpiste ziehen die Elefanten vorbei. Es müssen 40 bis 50 Stück sein. Jeden Alters. Aus nächster Nähe lassen sie sich dabei beobachten wie sie die 1,50 Meter hohen Savannenbüsche auf Bodenhöhe stutzen. Ein Elefantenbulle befindet sich einige Meter von unserem Auto entfernt. Genüsslich kaut er auf den Blättern und beobachtet uns – fast als wären wir sein Unterhaltungsprogramm zur Mittagszeit. Plötzlich hören wir lautes Tröten. Auf der anderen Straßenseite läuft im Abstand von 100 Metern ein weiterer Elefantenbulle wie wild geworden und mit erhobenem Rüssel durch den Busch. Er muss einen Rivalen erspäht haben. Irgendwann ist nur noch eine Staubfontäne zu sehen. Kurz darauf ist die Herde beim Wasserloch. In einer langen Kette bewegen sie sich zum erfrischenden Nass, trinken und pflegen ihre Haut mit Schlamm. Aufgereiht wie zum Gala-Dinner stehen sie in und um den Tümpel herum.

Die kostbaren Momente in diesem Nationalpark sind häufig. Etosha ist flächenmäßig doppelt so groß wie die Schweiz und man könnte meinen, es wäre Glück, wenn Tiere zu sehen sind. Doch die Augenblicke, in denen Zebraherden mit hunderten Tieren im staubigen Galopp an einem vorbeiziehen, die Momente, in denen zig Springböcke, Giraffen und Gnus sich das Wasserloch teilen – sie sind zu dieser Jahreszeit, im Mai, nahezu garantiert. Die sechs Tage, die wir hier verbringen, sind ein Genuss.

Und sie sind Spannung pur. Gerade in diesem Moment erscheint ein Rudel Löwen zu unserer Rechten. Auf der linken Seite der Straße äßen ca. 100 – 150 Zebras. Unser Fahrzeug befindet sich genau dazwischen auf der Schotterpiste. Die Luft, sie knistert. Die Tiere beobachten jeden Schritt des Rudels, passen ihre Bewegungen und ihr Verhalten an. Etosha ist kein Zoo. Wer nicht aufpasst oder zu langsam ist, wird gefressen. Hier gibt es keine Fütterung und keine verglasten Käfige. Man ist mit den Tieren im Busch, sie stehen neben einem und auch man selbst muss auf der Hut sein und den Rückwärtsgang parat haben, wenn der mächtige Elefantenbulle zu Nahe kommt.

Wenn es Nacht wird in Etosha, ändert sich auch die Besetzung des Wasserlochtheaters. Auftreten sollen pünktlich um 19:30 Uhr: Nashorn und Schakal. Beide konnten wir bislang nicht sehen. Hinter einer Steinmauer haben wir auf Bänken Platz genommen. Der runde, dunkle Teich wird durch die Lampen des Camps beleuchtet. Am Tag waren es hunderte Tiere, die sich hier erfrischten. Und jetzt – nicht ein einziges ist zu sehen. Still sitzen wir versteckt hinter der Mauer und warten. Nichts passiert. Minutenlang. Doch da, völlig unverhofft, kommt ein schwarzer Schatten aus dem Busch. Es ist ein Spitzmaulnashornweibchen (Black Rhino) mit einem wenige Monate alten Jungen. Die zwei Hörner, die es auf dem Kopf trägt, sind gewaltig und äußerst spitz. Wir sind uns sicher, dass es eine Fahrzeugtüre problemlos durchschlagen könnte. Behutsam begeben sich die beiden zum Wasserloch, um den Durst zu stillen und verschwinden wenig später wieder im Busch. Auch zwei Hyänen und ein Schakal bewähren sich beim kurzen Gastspiel.
Die daraufhin eintretende Stille wird aprupt von einem mächtigen Brüllen unterbrochen. Das kann nur ein gewaltiger Löwe sein. Er brüllt nochmals, doch er zeigt sich nicht. Die Spannung steigt. Und wie als hätte er sich ankündigen wollen, stolziert er plötzlich am Wasserloch vorbei. Er ist hier der Chef, das haben alle verstanden und wir sind unglaublich froh, dass wir hinter der Mauer sitzen – und nicht davor.

Kein Film, keine Dokumentation kann die Schönheit dieser Tiere so fühlbar machen wie die Wirklichkeit. Und auch ist es dieses Empfinden der Wirklichkeit, das klar macht, wie schützenswert und zerbrechlich dieses Ökosystem ist und um wieviel stärker unser Engagement sein müsste um es zu erhalten.
Die Giraffen, diese anmutigen, wunderbar friedlichen Tiere – sie sind vom Aussterben bedroht. Die Elefanten – kaum habe ich je ein beeindruckenderes Wesen gesehen – werden, wenn die Wilderei anhält, in wenigen Jahrzenten vielerorts ausgerottet sein. Von den Nashörnern ganz zu schweigen.
Geparden, Löwen, Leoparden, Säbelantilopen… diese Aufzählung ließe sich noch ewig weiterführen, mit Tieren die man kennt. Sie alle stehen auf der roten Liste und ihre Existenz schwindet, wenn die Ignoranz der Menschen nicht stoppt.
Eine Art ist bereits dann dem Untergang geweiht, wenn deren Anzahl eine gewisse Menge unterschritten hat. Da dann nämlich der Genpool nicht mehr für einen Fortbestand der Art ausreicht.
Die wilden Herden, die seit Jahrtausenden dem Wandel der Gezeiten getrotzt haben – wir richten sie zu Grunde, ohne dass es bei vielen von uns überhaupt im Bewusstsein angekommen ist.

Plötzlich – der männliche Löwe steht auf. Erhobenen Hauptes kommt er auf uns zu. Sein langer Schwanz baumelt von links nach rechts, die gewaltige Mähne weht in der Luft. Sein Weg führt ihn zwischen den Fahrzeugen durch. Von uns Menschen ist er völlig unbeeindruckt. Am Wasserloch stillt er seinen Durst – majestetisch. Der König der Tiere – zweifellos. Es verbleibt die Hoffnung, dass er dies noch lange sein wird.

 

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