Tief unter der Erde

Krachend und scheppernd fährt die Bahn auf den schmalen Gleisen durch den ins graue Gestein geschlagenen Tunnel. Die kühle Luft streift die Gesichter und neugierige Augen versuchen zu erahnen was in der Tiefe des Stollens zu sehen ist. Immer weiter bewegen sich die Wagons vorwärts, tief hinein in den Berg und man kann nur vermuten welche Last von Gestein, Erde und Fels inzwischen auf dem steinernem Gang liegen muss. Doch schließlich und unerwartet fährt man in einen Raum, welcher viel mehr an die Größe eines mittelalterlichen Doms erinnert. Millionen Liter Wasser haben einen gewaltigen Felsen aus purem Salz ausgewaschen und über Soleleitungen ans Tageslicht verbracht. Geblieben ist eine monumentale Halle an welcher die Reste der Salzadern die Wände verzieren. Es ist Meersalz. Tief unter der Oberfläche ruhte es, über Jahrausende gefangen zwischen Stein und Geröll. Ursprünglich stammt es aus einem Urmeer,DSC04865.JPG welches durch die Alpen im Laufe der Zeit begraben und weit unter die Erde gedrückt wurde. Gedanken an das Meer haben hier unten eigentlich die wenigsten. Aber das wird sich noch ändern. Ein schmaler Weg führt an der Wand der Kathedrale entlang zu einem weiteren Gang. Dem Heilstollen. Er befindet sich hinter einer großen, hellen Holztür und man kann hier durchaus von einem kleinen Geheimtipp sprechen, denn die normalen Bergwerksbesucher bekommen ihn nicht zu Gesicht. Kaum den Raum betreten, erfreuen viele orange Lichter das Auge, es sind Salzlampen, die das Kuppelgewölbe in warme Töne tauchen. Im Zentrum des Raums befindet sich ein Salzsee, aus welchem ein kleiner Brunnen beruhigendes Plätschern entsendet. Um den See sind viele Holzliegen platziert. Der Raum wirkt sauber und aufgeräumt, das helle Holz kombiniert sich gut zum warmen Licht der Salzkristalle.

Dicke, flauschige Decken und eine Wärmflasche hüllen die Besucher kurz darauf  in ein wohlig-warmes Gefühl. Auf den bequemen Holzgestellen liegend vernehmen sie die erste Melodie. Eine Meerestrommel erzeugt das Rauschen des Meeres so authentisch, dass nicht viel Vorstellungskraft nötig ist um sich an einen anderen Ort transferieren zu lassen. Dorthin wo Wellen auf feinen, kieseligen Strand treffen, dorthin wo die Füße vom warmen Wasser umspült werden und der Blick bis zum Horizont reicht. Die salzige Brise in der Luft haucht den Sinnen freudige Urlaubserinnerungen zu.

Als die Meerestrommel verstummt – vollkommene Stille.

Eine Stille, die so nirgends spürbar wird. Hunderte Meter dicker Fels verhindert das Vordringen jedes ach so geringen Geräuschs durch die Außenwelt. Man spürt das pulsieren seines eigenen Herzschlags. Und nun beginnt das Konzert. Exotische Instrumente erfüllen den Salzstock, welcher eine einzigartige Akustik bereitet. Ostwind lautet der Name der Komposition und man könnte die Musik durchaus als esoterisch angehaucht bezeichnen, doch sie passt. Sie passt zu all dem, wozu diese Stunden gedacht sind. Entspannung, Ruhe, Ausgleich. Und es dauert nicht lange, da geleitet einen die Mischung aus Behaglichkeit, Rhythmus und zeitweiser Stille kombiniert mit der salzigen Luft in eine Art exotische Extase, welche den Körper in den Zustand des honigsüßen Tropfens zwischen Traum und Realität sinken lässt.

Die tiefe Decke des Raumes – obwohl klar ist, dass auf ihr millionen Tonnen ruhen – sie wirkt nicht bedrohlich, sondern verstärkt das behagliche Gefühl und sortiert sich passend ein, in das was Körper und Seele schmeichelt. Drei Stunden später lässt einen die Meerestrommel wieder erwachen – aus der durch die Töne hervorgerufenen Traumreise in Wüsten, karge Steppen und Berge. Sie bringt einen zurück an den zu Beginn erlebten Meeresstrand. Energie durchströmt den langsam aufwachenden Körper.

Die Zeit verging viel zu schnell, doch was bleibt ist das erholsame Gefühl, ausgestrahlt durch einen Ort tief unter der Erde, welcher trotz seiner Unwirtlichkeit eines ganz besonders ist – bezaubernd.

Heilstollen – Salzbergwerk Berchtesgaden

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