Pray for Paris. Warum eigentlich?

“Not in my name”, “#NousSommesUnis”, “#prayforparis”, “#parisAttacks”, “#IStandWithParis”. All diese kleinen Kommentierungen, Botschaften, Bilder und Videos sind ein einfaches aber leicht erkennbares Statement. Ein klarer Protest. Wie dafür gemacht, um Anteil zu nehmen an der Trauer.

Vom Grunde her sind all diese kleinen Botschaften gut gemeint. Und doch wurden die Solidaritätsbekundungen, welche sich in den sozialen Medien nach den Anschlägen in Paris in Windeseile verbreiteten, auch in Frage gestellt.

“Pray for Paris” – brauchen wir wirklich noch jemanden der hier betet, wo doch eine  Religion gerade eben tief in abscheuliche Taten involviert war?

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Muss man bei seinem Facebook-Profilbild die französischen Flagge hinterlegen? Interessiert das irgendeinen IS-Kämpfer? Bringt das irgend ein Todesopfer zurück? Was ist mit den andern Menschen, die weltweit bei Anschlägen sterben? Sind sie weniger wert? Warum zeigt sich bei den kürzlichen Anschlägen dort niemand solidarisch? Beirut, Ankara, Yola (Nigeria), Sharm El Sheikh (Ägypten) und viele mehr.

Eine Frage die berechtigt ist.

Leben lässt sich nicht gegen Leben abwägen. Menschen sind gleich viel wert. Todesopfer gleich zu bedauern. Das sind die Werte wofür wir leben.

Dass die Anschläge von Paris im Gegensatz zu denen aus anderen Ländern so viel Solidarität hervorgerufen haben, hat andere Gründe als dass wir die Leben von Franzosen denen der Menschen aus dem Sudan, dem Chad oder dem Irak vorziehen.

Natürlich spielt die geographische Nähe eine wichtige Rolle. Von Frankreich aus hätten die Attentäter ohne Stop bis nach Deutschland durch fahren können. Nicht nur Frankreich wurde angegriffen, ganz Europa und mit dem Fußballspiel auch Deutschland.

Aber auch Emphathie. Viele von uns waren schon in Paris, sie haben die Stadt gefühlt, die Menschen gesehen, haben vielleicht dort studiert oder kennen jemanden der dort lebt. Sich mit jemandem identifizieren zu können, bewirkt Anteilnahme.

Natürlich passieren überall auf der Welt tagtäglich Greultaten und Anschläge und auch diese sollten medial vielleicht mehr thematisiert werden. Doch es liegt in der Natur des Menschen, dass er abstumpft, wenn er nicht enden wollende Nachrichten über solche Taten in Ländern hört, zu denen er keine Verbindung hat. Es ist gut, auch darüber zu sprechen.

Aber trotzdem ist es wichtig, genau jetzt Solidarität mit Frankreich zu zeigen.

Es ist nicht einmal hundert Jahre her, da haben sich unsere Großväter auf den Feldern von Verdun DSC_6275gegenseitig abgeschlachtet. Millionen Tote. Wenige Jahre später wiederholte sich diese Geschichte erneut, unmenschliche Taten, welche unsere Vorstellungskraft übersteigen, wurden begangen. Doch es scheint, als hätten wir aus unserer Geschichte gelernt. Unsere junge Generation lebt in einem friedlichen Europa. Wir sind den anderen Nationen wohl auf kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Sicht so nah wie nie zuvor.

Jetzt in den sozialen Medien zu sehen, wie die junge Generation aufsteht, ein Zeichen setzt, Zusammenhalt praktiziert, beginnt, sich für die Thematik zu interessieren, ist rührend. Und wichtig.

Dass sich viele junge Menschen solidarisch mit den Bürgern aus Frankreich zeigen ist ein Wert, der nicht unterschätzt werden darf. Es ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit, es war viel Arbeit nötig, dass der Zusammenhalt so groß wurde. Wir haben uns so an den Frieden in Europa gewöhnt, dass es für uns zur Normalität geworden ist. Doch Normalität, das ist es nicht. Der Frieden zwischen Deutschland und den anderen Nationen ist ein Prozess der gepflegt werden will. Alleinig durch die Flüchtlingsproblematik wird klar, wie schwierig es ist, viele unterschiedliche Nationen unter einem gemeinsamen Banner zu vereinen. Nachhaltig versuchen politische Gruppierungen, dieses Zusammenwachsen zu verhindern oder zu stören.

Man mag über die Sinnhaftigkeit der Europäischen Union streiten, doch eines hat sie immer gefördert: Den Schutz vor militärischen Konflikten in der Mitte Europas.

Wäre ich in der Situation, in diesen Tagen voller Angst in Paris zu leben, Metro zu fahren, Veranstaltungen zu besuchen, dann wäre es für mich nicht nur eine Randnotiz, dass sich Menschen auf aller Welt solidarisch zeigen, nein, es würde mich stützen in diesen schweren Tagen. Zu wissen, dass man nicht alleine ist, das viele Menschen auf dieser Welt genauso denken wie ich. Schulter an Schulter mit mir stehen, dass es ein Ende haben muss, wir zusammenhalten müssen Gerade bei dieser hochgradig menschenverachtenden Bedrohung, deren weiteren Verlauf wir noch gar nicht abschätzen können.

Zusammenhalt, genau das ist es, was der Terror zerstören will.

Wenn wir also unsere Solidarität mit den Menschen in Paris, in Frankreich bekunden, dann ist dies keine Abwertung für die Opfer aus anderen Ländern. Vielleicht ist es vielmehr der erste Schritt zu einem größerem Bewusstsein, was uns Sicherheit bedeutet. Was sie uns wert sein sollte. So manche können erst jetzt nachfühlen, wie es den Menschen in Afghanistan, im Irak, in Syrien, Mogadischu, Nigeria im Libanon und so vielen anderen Ländern der Welt tagtäglich ergeht.

Nach vielen Jahren des Lebens in einem weichen Kokon aus Sicherheit und Wohlbefinden hat sich vor wenigen Tagen etwas in unserem Alltag verändert. Es hat viele Menschen zum Nachdenken angeregt, unser politischen Horizont vergrößert. Unsere Unterhaltungen geprägt. Fragen aufgeworfen.

Es ist eine traurige Wahrheit, dass es  solche Situationen sehr wahrscheinlich wieder geben wird.

Wir können Solidarität zeigen. Oder wir können schweigen.

 

Diese Entscheidung trifft jeder für sich.

 

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