Die Anschläge von Paris und was wir jetzt tun sollten.

 

Heute Morgen stehe ich wie jeden Samstag traditionell in der Filiale meines Bäckers am Tresen und frage den Inhaber, der mir gut bekannt ist, ob er mitbekommen hat, was in Paris passiert ist. Er antwortet: „Nein, was war los?“ und blickt verdutzt drein.

 

Ich erzähle ihm, dass es heute Nacht Anschläge in Paris gab, dass Bomben vor dem Stadion explodiert sind, indem Frankreich gegen Deutschland gespielt hat. Dass bewaffnete Männer in einem Konzertsaal eingedrungen sind und viele Menschen getötet haben, dass sie durch die Straßen von Paris gefahren sind und in Restaurants, Bars und auf der Straße Menschen erschossen haben. Von mehreren hundert Verletzten ist die Rede, über 100 Tote. Die Zahlen noch ziemlich ungewiss. Er blickt entsetzt, seine Augen sind starr und für einen Moment habe ich den Eindruck, dass er nicht weiß ob er mir glauben kann. Es ist doch alles so friedlich in seinem Café. So Entspannt wie immer. Nichts kam ihm heute Morgen komisch vor, als er die ersten Brote aus dem Ofen zog.

Es ist ihm anzusehen, dass die Bilder in seinem Kopf gerade davon ablenken, mein Brot mit Papier zu umkleiden, obwohl er das schon viele hunderte Male gemacht hat. Ihm wird klar, dass es kein Scherz ist. Über solche Themen macht man keine Scherze.

Seine Augen sind starr, als er zu mir hoch blickt und mir die Sachen übergibt. „Das hab ich nicht gewusst!“, antwortet er schockiert. Es hört sich an wie Krieg, wenn man von den Anschlägen erzählt. Wir alle spüren die unfassbare Grausamkeit, die uns umweht, wenn wir uns vorstellen, dass nichts und niemand außer der Zufall heute Nacht entschied, wer unter den Toten ist, wen es erwischte.

Mit einem zaghaften Lächeln reiche ich ihm das Geld, viele Leute warten bereits hinter mir. Er muss abkassieren, das Leben geht weiter, für ihn wie auch für uns alle. Aber etwas hat sich verändert. Nach der heutigen Nacht werden die Dinge nicht mehr so sein wie vorher.

Angst ist ein schlechter Ratgeber in diesen Zeiten, doch Angst steuert die Menschen. Angst, dass sich so etwas auch bei uns ereignet. Angst, dass sich unser gesellschaftliches System zum Schlechten verändert, Angst, dass wir unsere gewohnte Sicherheit aufgeben müssen.

Die Sicherheit, entspannt in einem Café in der Stadt zu sitzen, ohne den Ausgang ständig im Blick halten zu müssen, durch den bewaffnete Männer hereinstürmen könnten. Die Sicherheit, die das klassische Konzert, die Oper oder das Theater erst zu einem Genuss werden lässt, wenn sich die großen Türen schließen – ohne die Vermutung, dass jemand den Terror in den Konzertsaal bringen könnte.

Ich wiederhole mich. Angst ist ein schlechter Ratgeber in diesen Tagen. Angst, das ist es was Terroristen verbreiten wollen.

Diese Angst wird viele einfache Fragen aufwerfen, ob es sich um Salafisten, die Flüchtlinge oder die Religionsfreiheit dreht.

Viele einfache Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Eines steht fest. Unsere Welt in Europa und Deutschland, unser Verständnis von Sicherheit, von Liberalität, von Verständnis, Offenheit und Gastfreundschaft wird sich verändern. Und auch wenn sich viele nicht bewusst sind wie sehr jeder einzelne in der Gesellschaft an diesem Veränderungsprozess mitwirkt, so sind es doch wir Menschen in Deutschland, wir Europäer, die den weiteren Weg maßgeblich mitbestimmen werden. Denn die Politik wird sich zukünftig stärker mit der Meinung der Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Jedoch auch die Gesellschaft, also jeder Einzelne von uns, mit der Politik.

Die Welt wird komplizierter, so wie es für diese schrecklichen Taten heute Nacht keine einzelne Ursache gibt, so gibt es auch keine einfache Lösung. Wer maßt sich an, die Lösung für all das zu kennen?

Wir haben Angst vor Veränderung, weil wir unser Deutschland, unsere Werte die wir in ganz Europa finden, lieben. Wir lieben es, auf dem Bürgersteig tanzen zu können, wenn wir es wollen, wir lieben es in tropfenden Badesachen mit der Trambahn am Eisbach entlang zu fahren um kurz darauf wieder ins Wasser zu springen und uns erneut Flussabwärts treiben zu lassen, wir lieben es, ein freies Leben ohne Gewalt zu führen.

Verständlich, wenn jemand angesichts dieser Schreckensbilder Hass und Wut verspürt. Doch wir haben all diese Freiheiten, diesen offenen, liberalen Lebensstil nicht, weil wir nach dem Krieg einem Regierungsstil aus Wut und Hass folgen wollten. Wir wollten unser Leben so weit wie möglich selbst bestimmen, doch das ist nicht selbstverständlich. Es bedarf dem Engagement jedes Einzelnen. Wir müssen versuchen die Komplexität dieser Welt zu verstehen und das funktioniert nicht, indem wir flachen Parolen nacheifern und bestehende Ressentiments, Gerüchte und angebliche Wahrheiten verbreiten. Denn das ist der einfache Weg. Und genau den gibt es nicht.

Naivität gegenüber den Herausforderungen ist es sicher nicht, was uns weiter bringt. Hass aber auch nicht. Wir dürfen uns die Welt nicht schön reden, die rosarote Brille aufsetzen und hoffen, dass schon alles gut wird. Einfach immer so weiter machen. Aber den Meinungen einiger weniger zu folgen, welche versuchen uns da hin zu bringen, wo wir vor 80 Jahren standen, auch das wird und kann nicht das sein, was wir wollen. Geistige Beweglichkeit und die Fähigkeit, seine Einstellung zu ändern ist manchmal schwer.

Aber die Kunst ist es, einen Mittelweg zu finden, welcher unsere Freiheiten, so wie wir sie kennen und lieben erhält, und uns dabei eines nicht vergessen lässt. Mensch zu sein.

Denn dieser Mittelweg der Abwägungen vieler Meinungen in einem komplexen Zeitalter hat unser Land, hat die Freiheiten in unserem Land erschaffen.

Nur wenn wir uns selbst treu bleiben, wenn wir hinterfragen, können wir auch dafür einstehen, was uns wichtig ist. Und das kann uns wiederrum nur gelingen, wenn wir uns auch für die Hintergründe all dieser Vorkommnisse interessieren. Wir müssen davon absehen uns tagtäglich über Kleinigkeiten zu ärgern um damit unsere Zeit zu vergeuden. Sich aus zuverlässigen Quellen zu informieren, nachzudenken und darüber zu diskutieren. Das bringt unsere Gesellschaft weiter, das bringt uns selbst weiter. Wir müssen neugierig sein, Gerüchte hinterfragen. Zu viele erfundene Geschichten und Halbwahrheiten sind im Umlauf um Hass zu schüren.

Und so werde ich hier nicht Stellung beziehen was richtig und was falsch, ist sondern diesen sanften Hauch eines Appells in eurem Kopf platzieren der sagt:

Lass dich nicht in Versuchung führen, dass andere für Dich denken. Denke selbst.

Und bleibe Mensch.

Nous sommes Unis.

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