Eine Mountainbiketour nach Belgien

300 km von Bonn nach Belgien.

 

Einfach losfahren. Einfach losfahren und alles hinter sich lassen. Ich bin in der Nähe von Bonn. Ganz alleine, nur mit einem leichten Rucksack, etwas Wasser und einer Brotzeit schwinge ich mich aufs Mountainbike. Es ist 12.14 Uhr. Schon nach ein paar Tritten schwebe ich los. Immer Richtung Westen, in Richtung Belgischer Grenze. Es bleibt mir noch Zeit bis Montag, 12 Uhr, dann muss ich zurück sein. Vor allem der Weg ist das Ziel, denn auf meiner Tour erwarten mich die prächtig bunten Laubwälder der Eifel, ein berühmtes Hochmoor (das hohe Venn) und die Städte Verviers und Spa.

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Was wird mich sonst noch erwarten? Keinen Schimmer. Und das sorgt für Spannung. Schon nach wenigen hundert Metern fühlt es sich so gut an, dass sich ein Dauergrinsen auf mein Gesicht legt. Sandpiste, Feldwege, Landstraßen, unzählige kleine Steine, Matsch, Schlamm, nasses Gras, tiefe Pfützen und feuchtes Laub ziehen unter meinen Rädern hinweg. Kilometer für Kilometer, immer weiter Richtung Belgien. Die Oberschenkel bewegen sich gleichmäßig auf und ab und verfrachten die Anstrengung durch die Monotonie der Bewegung ins Unterbewusstsein. Den Blick stets in Richtung Horizont gerichtet erwarten meine neugierigen Augen hinter jedem Hügel etwas Neues, Unbekanntes. Die Welt bewegt sich ein wenig langsamer vorwärts, so habe ich das Gefühl, als ich Kilometer für Kilometer über Felder und durch kleine Ortschaften fahre.

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Gut erhaltene alte Herrenhäuser, Wasserschlösser und Gestüte versehen die Reise mit einem Hauch Romantik. Und Ponys. In München sieht man sehr selten ein Pony, aber hier steht tatsächlich an jeder Ecke eins. Ziemlich träge stehen sie da und bewundern kauend mein Mountainbike. Mein freundlicher Gruß wird nicht erwidert.

 

Vor einem großen weißen Schild muss ich stoppen. „Truppenübungsplatz. Durchfahrt während der Übungszeiten verboten“, steht da, aber nicht wann die Übungszeiten sind. Also fahre ich weiter, immer in der Hoffnung, dass nicht plötzlich Kugeln an mir vorbeizischen. Der Adrenalinspiegel steigt, doch weder Kettenfahrzeuge noch marschierende Soldaten sind zu sehen. Oder haben sie sich so gut eingegraben? Mein Blick ist aufmerksam aber gelassen. Am Ende angekommen bin ich ganz froh, dass nicht auf mich geschossen wurde. Der eine Panzer den ich links überholen musste, stellte keine Gefahr mehr da.

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Der Weg schlängelt sich nun um eine Hügelkette und danach durch ein Waldstück in dem die Reste eines römischen Aquädukts zu finden sind. Leichter Nieselregen hält mich nicht davon ab es eingehend zu bestaunen um die Reise im Anschluss fortzusetzen und nach fünf Stunden und ca. 60 Kilometern über Stock und Stein die Eifel zu erreichen. Die Eifel ist ein angehender Naturpark und vielleicht dem ein oder anderem bekannt, da in ihm viele bekannte Mineralwasser ihre Quelle haben.

Goldgelb und rot verfärbte Laubbäume verzieren die Ufer der Flüsse. Langsam schweben bunte Blätter zu Boden, Äste wiegen sich im Wind als würden sie dem Herbst herbeischunkeln. Kein Mensch weit und breit. Und so holt es einen ein. Die Möglichkeit über sich nachzudenken. Was der Alltag verhindert, findet nun seine Zeit. Viel zu häufig verbringt man seine Tage wie im Hamsterrad. Wenn man am Montag nicht mehr weiß was man eigentlich am Wochenende unternommen hat, sollte man mal wieder eine Auszeit nehmen. Sonst geht es Schlag um Schlag. BÄM, schon wieder ist ein Jahr vorbeigezogen, BÄM, schon ist man fünfzig. BÄM und das Leben ist vorbei, ehe man sich versieht. Man kann immer auf den richtigen Zeitpunkt warten. Bis man endlich genug Geld hat, genug Ausdauer, genug Lust. Oder man setzt sich einfach auf sein Fahrrad und fährt los, marschiert los, schwimmt los, was auch immer. Es braucht nur ein wenig Mut, alleine die Welt für ein paar Stunden oder Tage zu entdecken, sich auf Unvorhersehbares einzulassen. Die ein oder andere kleine Herausforderung macht das Leben lebenswert. Das vergessen wir oftmals in unserer überbehüteten, von Sicherheit geprägten Welt. Zeit für sich selbst zu haben. Zeit, über sich und sein Leben nachzudenken, einen Schritt zurück zu treten.

Und wer sich keine Zeit schenkt, über sich selbst und sein Leben nachzudenken, wird unruhig, unzufrieden, unausgeglichen. Ohne Energie. Kreativität und die Emotionen verschwinden in der Monotonie des Alltags, dem Rush der Termine. Aber nur wer sich mit sich selbst beschäftigt, wird sich auf Dauer auch selbst mögen. Und nur wer sich selbst mag, der kann auch andere mögen. Trete ich also wirklich gerade eben diesen steilen Berghang ganz alleine hinauf -nur flankiert von Büschen und Bäumen? Nein, ich habe einen tollen Gefährten zur Seite. Mich selbst. Das mag narzisstisch klingen, doch kann es so verkehrt sein, im Gleichklang mit der Natur dahinzurollen um den Gedanken Raum zu geben, die sonst nie zur Sprache kommen? Einfach mal keine Agenda zu haben, zu warten auf das, was er so herein spült in den Schmelztiegel des Verstandes.

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Ohne Smartphone, ohne Begleitung begibt sich der Geist auf eine interessante Reise. Lange Vergessenes kehrt zurück, manchmal nachdenklich, manchmal zum Grinsen, zum laut auflachen. Die steilen Anstiege pressen den Sauerstoff in die Blutbahnen, das Herz tobt, Lebensenergie ist zu spüren, selbst nach km 65 noch. Um dann diese lange Abfahrt – auf einem schmalen Pfad durch den Wald hinunter zu pfeifen über eine Kuppe zu springen, abzuheben, für einen Moment zu schweben – das ist Leben, das ist es was man nicht verpassen darf.

 

Viele Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen liegen hinter mir, als ich nach vier Tagen, 300 km und 4000 Höhenmetern zum letzten Mal auf dieser Tour sanft die Bremshebel drücke. Mein Rad bleibt stehen, ich steige ab und blicke auf mein völlig verschlammtes Mountainbike. Ich Lächle. La pura vida.

 

Wieder eine Etappe im Leben geschafft. Und es fühlt sich verdammt gut an.

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One thought on “Eine Mountainbiketour nach Belgien

  1.   du hast ja so recht

    Gesendet: Dienstag, 20. Oktober 2015 um 19:40 Uhr Von: morEndless <comment-reply@wordpress.com> An:  Betreff: [New post] Eine Mountainbiketour nach Belgien

    morendless.wordpress.com posted: "300 km von Bonn nach Belgien.   Einfach losfahren. Einfach losfahren und alles hinter sich lassen. Ich bin in der Nähe von Bonn. Ganz alleine, nur mit einem leichten Rucksack, etwas Wasser und einer Brotzeit schwinge ich mich aufs Mountainbike."

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