San Blas – Das bedrohte Paradies

Das schmale Boot trägt uns über das Meer und schon von weitem sehe ich weiße Perlen an der Wasseroberfläche schimmern. Verziert mit einem grünen Schleier aus Kokosnußpalmen ragen die kleinen runden Inseln aus dem Wasser. Puderzuckerfeine Strände, von smaragdgrünen Wasser umschlossen, reflektieren die Sonnenstrahlen meisterlich. Tollkühn stürzen sich grausilberne Pelikane ins Wasser und teilen die Schwärme aus tausenden kleiner Fische die das leuchtende Türkies des Meeres in einen schwarzen Schleier hüllen. Wenn man genau hinsieht, dann bemerkt man orange und gelbe Seesterne behutsam über den Meeresgrund schleichen und es scheint als würde die Sanduhr dieses Paradieses schon seit Jahrhunderten im gleichen Takt laufen. Ganz so als würde sich hier nie etwas ändern, als würden ein paar hier erlebte Tage einem Jahrhunderte erzählen, davon, dass man von einem Strand aus am Morgen den Sonnenaufgang und am Abend den Sonnenuntergang beobachten kann. Davon wie die Wellen im immergleichen ruhigen Takt die Sandkügelchen am Strand durcheinander wirbeln. Davon, dass das Leben hier gleichbedeutend mit Glück ist, der Ort dem Paradies ebenbürtig. San Blas ist aber auch ein Mosaik der Eindrücke, es zeigt den Regen, es zeigt die mächtige Mittagssonne, es zeigt Tiere und auch die Menschen welche die Inseln seit vielen Jahren bewohnen. So wie die Fischer welche jeden Tag in ihrem kleinem Segelboot hinausfahren und stundenlang Netze und Leinen auswerfen oder nach Lobstern schnorcheln. Oder die Kinder, welche im Palmenwald herumtoben, mit den Muscheln spielen die so groß sind wie Einmachgläser. Das Leben hier ist einfach und spätestens nachdem ich unsere Insel in fünf Minuten umrundet habe weiß ich, dass dieser Ort eigentlich nicht für Bewegung sondern für Stille gemacht ist. Doch diese bedächtige Stille ist trügerisch. Fast täuscht sie darüber hinweg, dass dieses Paradies dem Untergang geweiht ist. Denn was für Jahrhunderte gleich war verändert sich plötzlich. Und dieser Blog würde nicht morendless heißen, würde er nicht auch das “less in life” ansprechen. Mit unserem nie endenden Konsumbedürfnis verändern wir Menschen die Welt. Und so blicken die 365 Inseln einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Erhöhung des Meeresspiegels wird in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten dafür sorgen, dass die meisten dieser Inseln verschwinden. Normalerweise können gesunde Korallenriffe mit dem Meeresspiegel mitwachsen und die Inseln so zumindest zum Teil erhalten. Doch durch die Erwärmung der Meere (El Nino Effekt), die dadurch entstehende Korallenbleiche und die Übersäuerung und Vergiftung der Gewässer sind die Riffe zunehmends bedroht oder bereits zerstört.  Man kann den Effekt bereits beobachten. Errosionen und ins Meer abgerutsche Palmen, aufgegebene Inseln, Wasser in den Häusern. Noch ist es ein Paradies, noch… Aber auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, doch die Erde verändert sich. San Blas ist nur ein Spot von vielen. Florida, Ho Chi Minh City, Shanghai, Mumbai, Amsterdam, New Orleans, New York, alle kämpfen sie mit einem steigenden Meeresspiegel. Die auf der Insel ansässigen Ureinwohner, Kuna genannt, bringen uns mit einem schmalem Fischerboot auf eine unbewohnte Insel, gerade mal so groß wie ein halbes Fußballfeld und mit vielen Palmen bewachsen. Minuten später sitze ich am nördlichen Strand, blicke aufs Meer hinaus und denke nach. Eine Touristin kommt und setzt sich neben mich: “Taumhaft hier was…”, schmunzelt sie. “Ein Paradies”, entgegne ich ihr. “Bald schon ist es verschwunden”, spreche ich weiter. “Warum denn das?” “Weil der Meeresspiegel steigt.” “Wusste ich gar nicht…“, sagt sie und starrt ebenfalls aufs Meer hinaus. “Die meisten wissen das nicht, doch in wenigen Jahren wird es diese Inseln wohl nicht mehr geben, wir verändern die Welt, niemand weiß genau was passieren wird, doch das ist erst der Anfang.” Eine Weile sitzt sie noch neben mir, dann steht sie wortlos auf und geht. Nichts anderes habe ich erwartet. Die meisten Menschen denen ich in diesem Paradies davon erzähle, dass diese Menschen hier bald kein Zuhause mehr haben, dass die Natur in den Jahren seit der Industriealisierung Schaden genommen hat und wir daran nicht ganz unschuldig sind, wechseln lieber an den anderern Strand. Wer will das Negative schön hören, hier wo dem Auge auf den ersten Blick alles so perfekt erscheint. Und wir haben schließlich genug Geld uns wieder eine künstliche Insel zu schaffen, ein Hausboot zu kaufen oder einen Deich zu bauen. Nur die Menschen hier, sie haben es nicht.

Dankbar dafür, dass ich dieses Paradies noch erleben darf und in der Hoffnung, dass die  Prophezeihungen nicht eintreten werden blicke ich wieder aufs Meer hinaus. Man kann das Paradies auch dann genießen wenn man sich dessen Endlichkeitbewusst ist. Diese “awareness”, dieses Bewusstsein hinterlässt keinen negativen Touch, es verleiht mir vielmehr eine Verbundenheit zu diesem Ort, es erlaubt seine Wertschätzung.

Und so blicke ich wieder hinaus aufs Meer. Immer diese eine Insel im Blick – die Insel mit den drei Palmen. Sie ist so schön. Nächstes Jahr wird sie im Meer verschwunden sein. Schade eigentlich.

365 paradisische Inseln – Archipiélago de San Blas

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