Prostitution und Menschenhandel – ein kultureller Vergleich

In Deutschland ein Stück Normalität, in Schweden sozial geächtet. Prostitution.
Während die meisten der Deutschen Bürger es als selbstverständlich ansehen, dass zu Hamburg die Reeperbahn und zu München heiße Angebote auf zwei Beinen in der Hansastraße gehören, sorgt in Schweden seit dem Jahre 1999 ein Gesetz für gesellschaftlichen Wandel. Offiziell gibt es keinen Straßenstrich, keine Bordelle, keine fragwürdigen Zeitungsanzeigen.

Die Verordnung verbietet Sex gegen Geld. Beachtlich ist, dass sich nur der Käufer strafbar macht. Die oder der Prostituierte bleibt frei von allen Sanktionen, denn sowohl soziale, staatliche Organisationen als auch Frauenrechtsbewegungen sehen Prostituierte ausnahmslos als Opfer der Situation. Durch das Gesetz soll sie vor strafrechtlicher Verfolgung geschützt werden.
Jeder Schwede hat dazu seine eigene Meinung und spricht man mit Bürgern, Polizisten und sozial Engagierten wird deutlich, dass niemand von ihnen jemals eine Frau getroffen hat, welche nach längerem Befragen bei der schnell geäußerten Aussage geblieben ist, es freiwillig zu tun.
Viel mehr stehen hinter dem Eintritt in die Prostitution sexueller Missbrauch, Minderwertigkeitsgefühle, Drogen, Gewalt, Vernachlässigung, Ausbeutung, Hilflosigkeit.
Die Frauen verdienen teils viel Geld mit dem Verkauf ihres Körpers. Um den seelischen Schmerz zu ertragen kaufen sie sich Luxusgegenstände die sie nicht brauchen um den Schmerz für kurze Zeit vergessen zu können. Das Geld geht, der Schmerz bleibt. Ein Teufelskreis.
Ein komplettes Verbot der Prositution – in Deutschland wie in den meisten europäischen Ländern mit einigen Ausnahmen kaum vorstellbar.

Wäre das überhaupt erstrebenswert? Wenn man nicht in dieses Land reist und die Diskussionen aufgreift, wird man kaum mit der Thematik konforntiert.
Anfänglich als große politische Diskussion begonnen, ziehen die Schweden nach 15-jähriger Geschichte ein Resumée.
Dies ist sowohl positiv als auch negativ. Gesellschaftlich hat sich viel verändert. Wenn anderswo beim Nachmittagslunch zwischen Männern über den nächsten Ausflug in nahegelegene Etablissments gesprochen wird, ist dies in Schweden inzwischen verpöhnt. Kaum jemand gibt freiwillig zu, käuflichen Sex zu bevorzugen. Freier, die beim Anbahnen eines Schäferstündchens von der Polizei erwischt werden, legen meist ein Geständnis ab. So kommen sie meist mit einem Strafbefehl davon und entgehen der Schmach einer Gerichtsverhandlung. In Schweden eine Schande.

Dass zwar ein Auftreten als Freier, nicht jedoch das Anbieten von Prostitution unter Strafe steht sorgt dennoch für kontroverse Diskussionen. Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, die Frauen zu schützen, wenn sie erst gar nicht die straflose Möglichkeit hätten, ihre Dienste anzubieten? Die Meinung dazu ist kontrovers.

Der Markt der frivolen Angebote hat sich derweil weiter ins Internet verlagert. Dies liegt auch daran, dass es eine gute Möglichkeit entstehen lässt, sich mit Suchenden unerkannt und ohne öffentlich auftreten zu müssen, verabreden zu können. Und es bietet eine gute Plattform für eine der skrupellostesten Verbrecher dieser Welt: Menschenhändler.

Frauen, vorwiegend unter einem Vorwand ins Land gelockt, dort als Altenpflegerin, Frisörin oder Haushaltshilfe Arbeit zu finden, werden drastisch ausgebeutet, unter Drogen gesetzt, erniedrigt, missbraucht – versklavt. Die Täter berauben sie stichwörtlich ihrer körperlichen und psychischen Identität und hindern sie oft für immer und unwiederbringlich daran ein normales Leben zu führen.

Eine Studie die sich mit dem Thema befasst, kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Rate der Männer, welche in jungen Jahren käuflichen Sex erwirbt in den Jahren seit Einführung des Gesetzes drastisch verringert hat. Ein Erfolg? Wenn es nach den Meinungen der Befürworter geht durchaus. Doch noch immer gibt es negative Aspekte. Zu wenig Überwachung, zu geringe Strafen für die Gesetzesübertretungen, weiterhin bestehender Menschenhandel und ein Abdrängen der Szene auf nur schwer zu kontrollierende Internetseiten mit Server im Ausland. Doch die Anfangs von vielen Kritigern gern gesehene Botschaft, dass es ohne die Möglichkeit, bezahlten Sex zu erlangen eine drastische Steigerung der Missbrauchsraten geben wird, erfüllte sich nicht. Wie zu erwarten liegt zwischen käuflichen Gelüsten, Enthaltsamkeit und der Fähigkeit, einem Menschen diese schlimme Bürde der Vergewaltigung aufzuerlegen glücklicherweise noch ein weiter Weg.

Dieser Bericht soll keine Hommage an das Gewisssen sein. Keine Parteiergreifung, keine vorgefertigte Lösung.
Aber er soll aufzeigen, dass es auch anders geht, er soll erkennen lassen wie wandlungsfähig eine Gesellschaft sein kann und wie stark Gesetze unser Zusammenleben bestimmen.
Wir sollten im Stande sein, einen diversifizierten Blick auf unsere Umwelt zu werfen. Zur Gedankenanregung. Gedanken über unsere Entscheidungen und unsere Einstellung zum Leben in unserer Gesellschaft einerseits und über  gesellschaftlichen Wandel andererseits. Schweden und Deutschland sind sich in vielen Punkten sehr ähnlich. Und dann diese Diskrepanz durch die fehlende Anerkennung des für uns Alltäglichen. Wie ist solch eine Wandlung möglich?

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt kein klares Ja oder Nein. Aber es gibt eine persönliche Meinung zu Problemen in unserer Gesellschaft. Und zumindest diese Weitsicht sollte jeder von uns besitzen.

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Hoffnung…?

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