Menschen gehen – und mit ihnen die Erinnerung

Es war ein langes Gespräch. Eine Runde junger Leute sitzt am Tisch und lauscht gespannt seinen Ausführungen. Keiner kennt ihn so recht, aber das was er erzählt ist packend, mitreißend – emotional.

Die grauen Haare, sanfte Stirnfalten, die gealterte Stimme. Alles deutet auf sein Alter hin. Seine hellwachen Augen, die Leidenschaft mit der er erzählt und die Lebenserfahrung die aus seinen Sätzen spricht wirkt hingegen erfrischend jung. Der Mann ist 85 Jahre. Mit nachdenklichen Worten erzählt er von Krieg, den Wirren, Ängsten aber auch von den glücklichen Momenten dieser Zeit. Er erzählt die Geschichte als er mit 16 Jahren und zig andren als letztes Aufgebot im Volkssturm einen aussichtslosen Kampf gegen übermächtige Panzereinheiten antreten sollte. Wie er glücklich verschont wurde. Vom Auffinden seines unversehrt gebliebenen Elternhauses. Als er in den zerstörten Stadtteilen Granatsplitter sammelte. Nebenan brannten noch die Ruinen.

Es sind die letzten Jahre, in denen wir noch die Möglichkeit haben, mit Zeitzeugen zu sprechen, die diese schrecklichen Momente am eigenen Leib erleben mussten. Es sind nur noch wenige von ihnen unter uns. Wir, unsere Kinder werden später alles in Geschichtsbüchern nachlesen können, aber in das Gesicht eines Menschen zu blicken, während er seine Angst schildert, die er hatte als er zusammen mit der Familie, mit Freunden und Nachbarn bei vollkommener Dunkelheit im Keller saß. Oben über ihnen die Geräusche von berstenden Balken, von fallenden Trümmern. Die Geräusche des einstürzenden Gebäudes über ihnen – als die Bomben fielen und die Welt zusammenzubrechen scheinte

Diese glasigen Augen, diese Authentizität, das kann kein Geschichtsbuch.

Doch jene Menschen scheiden aus unserer Welt – und mit ihnen ihre Erinnerung.

Die Gedanken verschwinden zunehmends, ihre Schätze wie Lebensweisheit, Erfahrung und Gefühle verblassen. Unsere Welt verliert an Erfahrung.

Wir kennen die Zeit nach dem Krieg. Den Wiederaufbau, die Hoffnung, die Welt des Luxus. Die Zeit im und vor dem Krieg ist uns inzwischen so fremd wie das Leben ohne Essen, ohne, Elektrizität, ohne Kommunikation. Ja wir verdrängen es. Sind wir davor gewahrt, das es nicht wieder einmal so kommt?

Wir begegnen so oft alten Menschen, sie sagen, dass sie bald nicht mehr sind, dass ihr Leben vorbei ist, das sie bald gehen werden. Und wir – verdrängen. Wollen es nicht wahr haben. Lenken ab. Denken an etwas anderes.

Diese Menschen haben Recht. Sie werden gehen. Und wir sollten nicht versuchen diese Tatsache aufs Abstellgleis zu schieben sondern ihnen die Möglichkeit geben, an ihrem Leben teilzuhaben solange wir noch können. Die richtigen Fragen zu stellen.

Erzähl mir, wie war dein Leben?”

Mit der Anwort wird auch ihre Erinnerung und ihre Erfahrung in uns weiterleben. Und die Menschen werden dankbar sein, sie mit uns zu teilen, sie uns mitzugeben zu können.

Diese Menschen sind nicht einfach nur alt, vor allem sind sie unglaublich weise. Öffne dich ihnen und du könntest nochmal ins Staunen geraten.

Es ist eine Möglichkeit. Vielleicht die Letzte.

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5 thoughts on “Menschen gehen – und mit ihnen die Erinnerung

  1. hallo morendless
    wo hast du diesen interessanten Mann kennengelernt.
    alte Menschen sind was besonderes.Leider werden sie viel zu oft aufs Abstellgleis geschoben.Und wir vergessen dass auch wir alt werden.

  2. Es sind nicht nur die Menschen, die von vergangen Zeiten sprechen, die selten werden, es sind auch die Menschen, wie du einer bist… Menschen, die zuhören und solch Kleinigkeiten, wie glänzende Augen, erkennen und dadruch zu so wunderschönen Texten inspiriert werden. :)

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