Ein Diebstahl und seine Folgen…

Es ist 19.55 Uhr und ich stehe im Supermarkt beim Bäcker. In zehn Minuten werde ich zuhause sein, mir ein kühles Getränk aufmachen und meine Zähne zwischen Olivenbrot und Heukäse hin und her baumen lassen. Wäre da nicht dieser Diebstahlwarner der hinter mir an der Kasse Alarm schlägt. Mein Blick fällt auf eine Dame Mitte 30, welche versucht sich unauffällig an der Kasse vorbei zu schleichen. Doch der schrille Alarmton bündelt die Blicke der um sie stehenden und lässt die Unscheinbarkeit verpuffen.

Die Unsicherheit steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie blickt zu Boden und eine Strähne ihrer schwarzen Haare fällt auf ihr Gesicht. Die Kassiererin fordert sie auf, noch einmal durch das Sicherheitsmodul zu gehen. Es blinkt und pfeift erneut.

Sie hat gestohlen.

Man muss kein Detektiv sein um das zu erkennen. Sie will sich zurück in den Warenbereich schleichen. Um dort die Sachen ungesehen zurückzulegen? Die Kassiererin fordert sie auf an der Kasse zu bleiben und ruft nach dem Chef.

Ohne mir viele Gedanken zu machen, bezahle ich mein Brot und gehe zum Ausgang. Einer von tausenden Ladendiebstählen, was solls.

Draußen angekommen will ich mein Fahrradschloss lösen und sehe durch die Glasscheibe vor mir die Frau mit samt ihren drei Tüten in einem unbeachtetem Moment die Flucht antreten.

Ich fordere sie auf stehen zu bleiben. Sie läuft schneller. Und da ist es, mein Problem. Ich kann nicht zusehen wenn etwas Unrechtes passiert. Und schon gar nicht wenn jemand von mir wegläuft. So laufe ich also hinterher. Zehn Meter später habe ich sie eingeholt, spreche sie an und halte sie fest.

Sie fühlt sich sofort ertappt, sagt sie hätte nichts geklaut und versucht sich los zu reißen. Alle meine Forderungen, dass sie mit mir in den Laden gehen soll, verneint sie und versucht weiterhin davon zu kommen. Vielleicht hätte ich sie sogar gehen lassen, vielleicht hätte ich nichts weiter gemacht. Nur eine Erklärung war sie mir schuldig. Es ist die Boshaftigkeit in ihren Augen, die meinem guten Willen entgegen läuft und so informiere ich die Polizei.

Und die kommt erst mal nicht. Und so steh ich nun. Mit einer inzwischen extrem renitenten Dame, die sich ständig losreißen will, um Hilfe schreit und die ich inzwischen schon mit Gewalt an die Wand des nahen Gebäudes drücken muss. Aus dem Laden ist niemand gefolgt. Zig Leute gehen von der U-Bahn nach Hause, kommen an mir vorbei und schauen mich an als wäre ich ein Gewaltverbrecher. Ich freue mich über die Münchner Zivilcourage, auch wenn sie höchst unpassend ist. Alle paar Sekunden muss ich mich erklären, warum ich das schreiende Paket vor mir nicht los lassen will, dass inzwischen ihren Kopf gegen die Wand schlägt. Will sie mir später ihre Verletzungen zurechnen? Es regnet. Ja, es regnet, die Leute schauen mich entsetzt an, ich halte eine Ladendiebin fest, der ich in kürze den Arm brechen werde wenn sie nicht aufhört sich zu wehren und von der Polizei keine Spur. Meine Bäckertüte ist durchnässt, das Brot wurde wieder zu Teig.

Zehn Minuten später habe ich ein paar Passanten für mich gewinnen können, die mir beistehen und durch ihre Anwesenheit die Last des Verbrechers von mir nehmen, nachdem ich ihnen erklärt habe was passiert ist.

Und dann kommt auch die Polizei, die Frau beginnt zu weinen und sagt, dass sie nicht ins Gefängnis will, da sie nur auf Bewährung draußen ist. Der Sachverhalt wird geklärt und ich kann nach Hause fahren.

Hat sich das gelohnt?

Der Supermarkt wäre wohl nicht pleite gegangen, wenn sie entwischt wäre. Die Frau muss vielleicht zuhause ihre Kinder ernähren und ich habe sie jetzt der Polizei übergeben, möglicherweise nur deshalb weil sie ein paar Lebensmittel geklaut hat. Eventuell hat sie keine Aufenthaltsgenehmigung und wird jetzt abgeschoben. Und 15 Minuten lang haben MICH die Leute angestarrt wie einen Verbrecher.

Hat sich das Drama gelohnt? Nur wegen einem Diebstahl?

Eine Streitfrage. Doch wie würde wohl unser Zusammenleben aussehen, wenn alle Werte die wir besitzen, also auch die scheinbar verzichtbaren wie Anstand und Ehrlichkeit her schenken. Wenn wir wegsehen, wenn wir sie ziehen lassen wie einen Umstand, der uns gerade nicht in den Sinn passt. Schlittern wir dann nicht noch mehr in eine Gesellschaft, in der jedem alles egal ist, in welcher der eine nicht wissen will, was der andere tut und wir alle in einer Seifenblase aus Gleichsinn durch den Nebel der Belanglosigkeit schweben?

Ich werde es wieder tun. Selbst wenn ich es nicht wollte, ich kann nicht anders. Ein so tief in mir sitzender Drang nach Gerechtigkeit, den ich nicht abschalten kann. Das wird sich nie ändern. Und ich werde mich danach wieder fragen ob es richtig war. Und solange man sich diese Frage stellt, wird man seine Standhaftigkeit bewahren. Denn man zieht die Grenze jedes Mal neu. Unser Gerechtigkeitssinn sucht ständig nach Referenzen. Zwischen dem was richtig und dem was falsch ist. Eine schwer zu definierende Grenzlinie. Nur dieser stetige Gedanke kann die Zacken des Zweifels verwischen.

Halten wir ihn lebendig.

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