Eine etwas andere Form des Tourismus

Der heutige Tag entführt mich in einem Kleinbus in die ländliche Gegend von Hanoi. Das Dorf, welches wir besuchen trägt den Namen Phu Minh. Das besondere an dieser Reise ist, dass es sich nicht um eine touristische Attraktion im eigentlichen Sinne handelt. Der Hintergrund ist um ein vielfaches komplexer.
Die Firma Bloom Microventures veranstaltet diesen Trip einmal in der Woche und versteht sich eigentlich auf eine ganz andere Form wirtschaftlichen Handelns.

Mikrokredite.

Eine kurze Erklärung:
Das Unternehmen versteht sich als “Non-profit” Organisation und vergibt Kredite gegen eine Verzinsung von gleichbleibenden 1 % der Kapitalsumme. Mehr ein symbolischer Wert wenn man ihn mit den üblichen Darlehenszinsen vergleicht. Die Kredite werden an Frauen vergeben, die sich in der örtlichen Frauengruppe zusammenschliessen. Was bedeutet, dass sie in ländlichen Gegenden Vietnams, wie Phu Ming, von unter 19 Dollar pro Monat leben müssen.
Aus folgenden Gründen ist Microfinance für Menschen notwendig:

  • die Personen haben keine Sicherheiten  wie z.B. einen festen Job oder anderweitig regelmäßiges Einkommen, Grundbesitz usw. und werden deshalb nicht von Banken bedient
  • in den ländlichen Gegenden, fern ab jeder Großstadt stehen keine Banken zur Verfügung
  • Kleinkredite sind für große Banken schlicht unrentabel

Aus diesem Grund sind Organisationen wie Bloom wichtig für die ländliche Entwicklung in Staaten wie Vietnam. Wie aus der Bezeichnung Mikrokredit schon erkenntlich, handelt es sich um Geldbeträge um die 100 USD, welche in einem Zeitraum von einem halben bis zu einem Jahr zurückgezahlt werden können. Für uns ein lächerlicher Betrag, doch wenn man im Monat als Familie nur durchschnittlich 19 USD zur Verfügung hat ist das Verhältnis ein anderes. Trotzdem schaffen es fast alle Frauen, die von Bloom Microventures einen Mikrokredit erhalten, diesen in der vereinbarten Zeit zurückzuzahlen! Die Familien können sich dadurch beispielsweise ein Schwein kaufen und Stück für Stück ein kleines Mikrounternehmen gründen, Schweine züchten, verkaufen und den Kredit zurückzahlen. So funktioniert es.
Das Spezielle an Bloom Microventures ist nun, dass sie dies mit nachhaltigem Tourismus verbinden und sich dadurch selbst finanzieren. Regelmäßige Touren finden einmal in der Woche statt und dieses mal bin ich mit dabei um euch zu berichten.
Wir verlassen Hanoi auf einer brandneuen Autobahn in Richtung Phu Minh, auf deutsch Wissen und Zufriedenheit. Links und rechts unserer Straße ragt der Beginn des neuen Vietnam in die Höhe. Baukräne, halbfertige Hochhäuser und Wohnsiedlungen soweit das Auge reicht. Nach ein paar Minuten setzten wir die Fahrt auf Landstraßen fort. Reisfelder in denen Menschen mit ihren Wasserbüffeln die Saat vorbereiten und viele grüne Hügel prägen die Landschaft. Eine Stunde später erreichen wir das Haus der Kreditnehmer. Die Familie lädt uns zum Tee in Ihr Wohnzimmer. Das Haus wurde erst vor einem Jahr mit Hilfe des Kredits neu erbaut. Stabile Betonbauweise, einfach eingerichtet. Es gibt keine Heizung und das Bett ist lediglich ein Holzgestell mit einer Bambusmatte. Es reicht zum Leben. Vor dem Haus gibt es einen Gemüsegarten, im hinteren Bereich Obstbäume, zwei Wasserbüffel, einen Hasen und viele Hundebabys. Und nicht zu vergessen das Schwein. Es liegt separat in seiner Behausung und gibt wehklagende Laute von sich. Es ist schwanger und wird, wie wir später von unserer Reiseleitung erfahren, neun Schweinejungen gebären. Es läuft gut für die Familie.

Oft ist es eben nur der Anreiz, der fehlt, um einem kleinem Familienunternehmen die Möglichkeit zu geben, sich in einer menschlichen Art und Weise selbst zu versorgen. Der Herr des Hauses, welcher bereits im Vietnamkrieg gedient hat, lässt meine Hand nicht mehr los und besteht so sehr darauf mit mir an seinem Tisch Tee zu trinken und so setze ich mich noch einmal mit ihm ins Wohnzimmer. Mit breitem Lächeln und der Teetasse in der Hand lässt er ein Foto von uns machen. Dann muss ich noch einmal Maiskolben mit ihm bearbeiten und es ist soviel gutmütiges und dankbares in seiner Körpersprache, dass es nicht von Nöten ist, seine Sprache zu sprechen um seine Gedanken zu erahnen. Unglaublich liebenswerte Menschen. Wir müssen dann gehen, auch wenn er mich nochmals für ein Familienfoto zurückzuwinken versucht, der Rest der Gruppe sitzt bereits im Bus.
Unser weiterer Weg führt uns zu einer lokalen Klinik. Im Garten befindet sich ein riesiger Kräutergarten mit Schildern, welche die medizinischen Einsatzmöglichkeiten der Gewächse beschreiben. Eine sich selbstauffüllende Apotheke direkt vor der Haustüre. Genial. So etwas ist unvorstellbar in unserer von Lobbyisten getriebenen pharmazeutischen Chemieküche. Wie auch soll ein Kraut besser helfen als Montrivax 6900?
Ein Abstecher in der örtlichen Schule und bei der ortsansässigen Besenmanufaktur, in welcher ein dutzend Frauen von Hand eine Art Reisigbesen für den Export nach China herstellen, rundet den Tag gekonnt ab.
Die Geschichte die sich Bloom Microventures hier ausgedacht hat ist clever, nachhaltig und sehr human. Tourismus der seine Spuren nicht in der Landschaft hinterlässt, indem er die Entstehung von Massentourismus vermeidet, sich selbst finanziert ohne die finanziell schwachen Kunden zu belasten und dabei noch Arbeitsplätze in der Bevölkerung schafft. Solche Vorhaben erfordern Mut zur Innovation, Durchhaltevermögen gegenüber der Bürokratie, Hartnäckigkeit gegenüber Kritikern und vor allem Ausdauer. Vertrauen muss aufgebaut werden, alle Kunden persönlich betreut und bürokratische Hindernisse überwunden werden.
Abzuwarten bleibt, ob und in wie weit sich das Management dem Konzept verschrieben fühlt, sobald mehr Kunden kommen und das große Geld lockt und ob die Kreditkunden dann zu mehreren Touristen-Besuchen herhalten müssen. Doch ich bin guter Dinge, dass die Menschen, die dieses tolle Konzept erfanden auch den Mut haben ihren Werten treu zu bleiben und damit den Einwohnern eine Hilfe, der Natur eine Wohltat und den Menschen der Welt ein Vorbild sind.

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